St. Ursula


Sie stehen vor St. Ursula, einer der zwölf romanischen Kirchen von Köln. In der Spätantike stand man hier außerhalb der Stadt mitten in einem römischen Friedhof. Kein Wunder also, dass hier im Mittelalter immer wieder Knochen ausgegraben wurden. Man hielt sie für die Knochen der Heiligen Ursula und ihrer 11.000 Jungfrauen, die an dieser Stelle angeblich durch Hunnen ermordet worden waren. In der ursprünglichen Legende war allerdings nur von der Heiligen Ursula mit zehn Jungfrauen die Rede. Die wundersame Vermehrung auf 11.000 fand bereits im Mittelalter statt – nicht aufgrund eines Wunders, sondern aufgrund mangelnder Lateinkenntnisse. Denn die abgekürzte Schreibweise „XI.M.V.“ (= 11 martyres virgines, 11 Märtyrer-Jungfrauen) wurde falsch aufgelöst. Aus dem M machte man ein „milia“ (tausend), und schon hatte man 11.000 Jungfrauen. Das passte auch besser zu den vielen Knochen, die man ausgrub.

Im Frühmittelalter entstand an dieser Stelle ein Damenstift, dessen geschäftstüchtige Insassinnen durch den Handel mit dem unerschöpflichen Reliquienvorrat zu ihren Füßen zu Wohlstand kamen. Damit konnte im 12. Jahrhundert ein repräsentativer Neubau finanziert werden, dessen Turm um 1230 vollendet wurde. Später folgten weitere Um- und Anbauten.

Heute am bekanntesten ist eine makabere Modernisierung im 17. Jahrhundert. Es entstand die „Goldene Kammer“, deren Wände scheinbar nur aus menschlichen Knochen bestehen – denen der 11.000 Jungfrauen. Barocke Frömmigkeit ist hier besonders gut mit Händen zu greifen.
Für Kölner schwer zu ertragen ist die Tatsache, dass die erste Belegschaft von St. Ursula aus dem heutigen Düsseldorf stammt, genauer aus Gerresheim. Das dortige Damenstift war Anfang des 10. Jahrhunderts von den Ungarn überfallen worden, wodurch die Stiftsdamen mehr oder weniger obdachlos wurden. Sie konnten dort in den unsicheren Zeiten auch nicht bleiben, weil sie kein castellum vel aliud quodcumque tutamentum hatten – keine Festung oder anderen wie auch immer beschaffenen Schutz. Köln galt da als sicherer, und so wurden sie im Jahr 922 vom Erzbischof hierher versetzt.

In gewissem Sinne beginnt damit die schriftlich fassbare Stadtgeschichte Kölns, denn die älteste Urkunde im Historischen Archiv der Stadt Köln beinhaltet eben diese Versetzung des Gerresheimer Stifts nach Köln.

St. Ursula, Köln, Versetzungsurkunde des Gerresheimer Stifts

Quelle: Historisches Archiv der Stadt Köln, HAStK Best. 1 (Haupturkundenarchiv (HUA)), U 3/1*

Diesen Beitrag teilen